Saatgutgewinnung leicht gemacht!

Wer eigenes Gemüse und Kräuter anbaut, kommt zwangsläufig irgendwann an den Punkt, an dem das Thema „eigene Samengewinnung und Vermehrung“ spruchreif wird. Sei es durch zufällige Selbstaussaat, beim Entfernen der Samen im Zuge des Kochens oder bei der Frage, was man mit den Samen am ausgewachsenen Salat anfangen könnte. Spätestens dann ist es spannend, mehr darüber zu erfahren!

Wenn wir wissen wollen, bei welchen unserer Lieblingssorten sich die Samengewinnung überhaupt lohnt, müssen wir uns einige biologische Grundkenntnisse aneignen.

Die Biologie-Theorie der Samengewinnung

Grundsätzlich unterscheidet man bei Pflanzen zwischen Selbstbefruchtern und Fremdbefruchtern. Bei Selbstbefruchtern wird die Pflanze mit dem eigenen Pollen bestäubt, und der so entstehende Samen besitzt dieselben Eigenschaften wie die Mutterpflanze. Hier lohnt es sich durchaus und macht auch große Freude, die Samen selbst zu gewinnen. Beispiele für Selbstbefruchter sind Paradeiser, Erbsen und Gartenbohnen.

Im Gegensatz dazu sind Fremdbefruchter darauf angewiesen, mit Pollen einer anderen Pflanze derselben Art oder auch derselben Gattung bestäubt zu werden. Nur dann bilden sie fruchtbare Samen aus und verkreuzen sich automatisch. Wenn man die so entstandenen Samen wieder aussät, erhält man eine „wilde Mischung“ von Eigenschaften der Elternsorten. Die Samengewinnung von Fremdbefruchter-Gemüse ist daher sehr anspruchsvoll und kompliziert und sollte also besser den Profis überlassen werden. Beispiele für Fremdbefruchter: Kürbisse, Zucchini und Gurken verkreuzen sich sogar zum Teil untereinander und können unerwünschte, gesundheitsschädliche Bitterstoffe ausbilden, wenn man den selbstgewonnenen Samen wieder anbaut. Auch alle Kohlgewächse kreuzen sich untereinander und ergeben nur unspezifische Nachkommen.

Wichtig ist auch der Unterschied zwischen samenfesten Sorten und F1-Hybriden. Denn nur aus samenfesten Sorten lassen sich im nächsten Jahr Pflanzen mit gleichen Eigenschaften ziehen. Im Handel sind F1-Sorten übrigens immer als solche markiert – alle anderen sind samenfest.

Für die F1-Hybriden gilt ähnliches wie für die Fremdbefruchter: Werden deren Samen wieder ausgesät, erhält man sehr unterschiedliche Pflanzen, die zwar die Eigenschaften der ursprünglichen Eltern enthalten, allerdings in zufälligen Kombinationen. Sie können eine andere Blütezeit haben, kleinere oder größere Früchte, anders schmecken oder aussehen usw... Wenn ihr also nicht mit Sicherheit sagen könnt, ob eure Lieblingssorte auch samenfest ist, lasst lieber die Finger davon! Am Ende ist man enttäuscht und der Aufwand hat sich nicht gelohnt!

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Die Praxis der Samengewinnung

Bei jedem Saatgut – egal ob gekauft oder selbst vermehrt – ist eine gute Keimfähigkeit essenziell. Dafür ist es wichtig, die Samen an der Mutterpflanze gut ausreifen und nach der Ernte auch ausreichend nachreifen zu lassen. Früchte wie z.B. Paradeiser oder Paprika dürfen schon fast „ein bisschen drüber“ sein, d.h. runzelig oder aufgesprungen und weich.

Trockene Samen wie z.B. Bohnen, Erbsen, oder auch Blumensamen wie Cosmeen oder Ringelblumen müssen bei sonnigem Wetter geerntet werden und sich ganz „raschelig“ und völlig trocken anfühlen. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Samen reif sind und eine hohe Keimfähigkeit und Triebkraft haben!

Als weitere Grundregel gilt: Nehmt immer nur Samen der gesündesten, größten und schönsten Früchte! Auch wenn es gerade diese sind, die ihr am liebsten essen würdet! Die Eigenschaften der Frucht werden immer auf das Saatgut und somit auf die Früchte der folgenden Generationen übertragen.

Sind die Samen geerntet, geht es an die Trocknung. Hierfür eignet sich ein normal temperierter Ort, der nicht der direkten Sonne ausgesetzt ist. Das Saatgut am besten auf einen Teller oder ein Tablett legen und gut verteilen, sodass die Körnchen möglichst einzeln liegen. Je nach Größe der Samen kann der Trocknungsprozess bis zu zwei Wochen dauern. Nachdem die Samen gut durchgetrocknet sind, werden sie in möglichst luftdichte Gefäße gefüllt. Aber Achtung – regelmäßige Kontrollen in den ersten zwei Wochen sind unerlässlich! Sollte sich im Behälter Feuchtigkeit gebildet haben, muss auf jeden Fall noch nachgetrocknet werden, ansonsten bildet sich Schimmel! Das abgefüllte Saatgut wird mäusesicher an einem kühlen und dunklen Ort gelagert.

Tipp: Neben Gemüseart und –sorte immer auch das Jahr, in dem das Saatgut gewonnen wurde, auf dem Behältnis vermerken. So könnt ihr nachvollziehen, wie alt die Samen sind.

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Spezialfall Paradeiser

Paradeiser stellen bei der Samengewinnung eine Ausnahme dar. Die Samen können zwar auch einzeln auf einem Stück Küchenpapier getrocknet werden – es gibt aber noch eine bessere Methode.

Hier eine kurze Schritt-für-Schritt-Anleitung:

  1. Früchte aufschneiden und Samen samt Gelee in ein Glas löffeln.
  2. Doppelt so viel Wasser hinzufügen und das Glas ohne Deckel an einen hellen, warmen Ort stellen. Nun setzt ein Gärungsprozess ein, der die keimhemmende und schleimige Schicht, die jeden einzelnen Samen umgibt, zersetzt.
  3. Sobald ein Großteil der Samen nach etwa zwei bis drei Tagen zu Boden gesunken ist, alles in ein feinmaschiges Sieb leeren und die Samen unter fließendem Wasser gut waschen.
  4. Zum Trocknen in einem Papier-Kaffeefilter füllen, aufhängen und einige Tage gut trocknen lassen. Vom Filter können die Samen problemlos abgelöst werden. Den zusammenhängenden Samenbulk kann man gut zu Einzelsamen zerreiben.
  5. Danach in luftdichte Gläser füllen.

Tipp: Das Glas, in dem die Samen gären, den Kaffeefilter und den Aufbewahrungsbehälter immer gut beschriften.

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Zu guter Letzt: Selbstaussaat – die einfachste Form der Pflanzenvermehrung

Die wohl unaufwändigste Art, zu neuen Pflanzen zu kommen, besteht darin, einzelne Pflanzen einfach am Beet stehen zu lassen, bis sie blühen und Samen ausbilden. Dafür besonders gut geeignet sind manche Wintergemüse-Arten, wie Vogerlsalat und Winterportulak, aber auch Asiasalate und Pflücksalate, die alle während der Wintermonate laufend geerntet werden können. Im Frühling beginnen sie dann zu blühen: Jetzt kann man einfach einige Pflanzen stehen lassen, bis sich Samen bilden und diese von selbst ausfallen. Die Keimung erfolgt dann zum geeigneten Zeitpunkt ganz von selbst – bei Vogerlsalat und Winterportulak im September. So kann man eine „wilde Salat-Ecke“ im Garten sich selbst überlassen und nur zum Ernten vorbeikommen. Achtung: Die von selbst keimenden Schützlinge müsst ihr schon im Keimlingsstadium erkennen. Sie dürfen ja bei der „Beikrautpflege“ nicht ausgezupft werden.

Wir wünschen euch gutes Gelingen für eure eigene Saatgutgewinnung!

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DI Wolfgang Palme

Über den Autor

Wolfgang Palme ist Abteilungsleiter für Gemüsebau an der Höheren Bundeslehr- und Versuchsanstalt Schönbrunn und als solcher begeisterter und innovativer Gemüse-Gärtner. Seit 2012 betreibt er zusätzlich mit einem innovativen Team die City Farm, wo Kinder und Erwachsene in spannenden Workshops ganzjährig gärtnern und lernen können, wie und wo unser Gemüse wächst.

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